Zwei Neuzugänge im Kinderdorf

Was muss mit einem Kind passieren, dass es mit sieben Jahren die Polizei um Hilfe bittet? An einem Montagnachmittag standen zwei hagere Kinder verloren in der Turnhalle des Kinderdorfs. Barfuß, in Kleidungsfetzen, die Arme mit Schrammen und Narben übersät. Um sie herum einige Polizisten von Panabo und etwas abseits der Vater der beiden. Mit Selina waren wir die ersten, die die zwei kleinen gesehen haben. Ich erinnere mich noch genau an den Blick des größeren Bruders, als er mir in die Augen sah – Verzweiflung, Angst, tiefe Traurigkeit.

Auf der Flucht vor Gewalt

Als Dave, der größere Bruder der beiden, das Polizeiauto sah, das rein zufällig in San Vincente (Panabo) Streife fuhr, rannte er sofort dorthin und rief nach Hilfe. Der Junge war in Tränen aufgelöst und hatte eine geschwollene Backe. Sein betrunkener Vater hatte ihn kurz zuvor mit einer Wassergalone geschlagen. Gewalt war für die Brüder zu Hause traurige Realität. Sobald der Vater nachmittags von der Arbeit heimkam, fing er an zu trinken. Und mit dem Alkohol kam die Aggression. Die Mutter der beiden floh schon als die Kinder noch Babys waren vor der Gewalt des Vaters. Im Alter von gerade einmal 7 Jahren musste Dave Verantwortung übernehmen und auf seinen kleinen Bruder Marc-Jay aufpassen. Da sich niemand um die Geschwister kümmern wollte, waren sie vollkommen auf sich alleine gestellt.

Schlimmer Zustand der Geschwister

Beim ersten Arztbesuch bestätigte sich der Verdacht, dass beide nicht nur an extremer Unter- sondern auch Fehlernährung leiden. Die Kinder brachten gerade einmal zwei Drittel ihres eigentlich für ihre Größe und Alter vorgesehenen Gewichtes auf die Waage. Der Körper des jüngeren Bruders ist auch proportional viel zu winzig für den Kopf. Dementsprechend gierig war ihr Essverhalten am Anfang – permanent griffen sie reflexartig nach Gegenständen, die mit Essen zu tun hatten. Beispielsweise war es anfangs nicht möglich den kleinen Marc-Jay alleine im Haus umherlaufen zu lassen, da er den großen Metalltopf mit Reis vom Tisch hinuntergezogen hätte.

Da den beiden ein Sättigungsgefühl in ihrem bisherigen Leben nicht bekannt war, aßen die Brüder  riesige Mengen. Wer weiß, wie lange es schon her ist, dass sie so viel zu sich nehmen konnten, wie sie möchten.

Endlich einmal Kind sein

Nur aus dem Fenster heraus beobachtete Dave zu Anfang die anderen Kinder, noch viel zu schüchtern ein Wort zu reden. Abgeschottet in seinem Zimmer spielte er alleine und versteckt. Doch nicht lange dauerte es bis er sich integrierte und sich mit den anderen Kindern anfreundete. Immer öfter sieht man ihn nun lachend mit seinen Kameraden toben oder auf den Armen der Volunteers.

Seit kurzem rennt er mir sogar entgegen und umarmt mich – eine Entwicklung, die vor wenigen Tagen noch nie möglich gewesen wäre. Besonders schön ist zu beobachten, wie die älteren Kinder des Hauses, in dem die beiden wohnen, mit ihnen umgehen. Schon voll in der Rolle der „Kuyas“ (großen Brüder) verbringen sie viel Zeit mit ihnen und übernehmen Verantwortung für ihre neuen Geschwister. Man spürt förmlich, wie Dave und Marc-Jay mit jeder Sekunde offener, aufgeweckter und glücklicher werden. Wie lange diese beiden Jungen wohl schon nicht mehr gelacht haben?

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